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Der Wunsch-Hund

Ali saß auf einer Bank im warmen Einkaufszentrum. Seine Gedanken waren draußen im kühlen Herbstwind stehen geblieben und froren schrecklich. Ihm grauste vor dem Winter. Seine Tochter Aicha klebte dicht an ihm dran, wie er mit warmer Mütze und Winterjacke ausgestattet. Beide machten nicht den Anschein, dass sie schwitzten. Sie strahlten einträchtige Ruhe aus. Das kleine Mädchen schaute ein Bilderbuch an mit einem schwarz-weiß gefleckten Hund auf jeder Seite. Sie plapperte vor sich hin und konnte anscheinend den Text auswendig. Sie sprach fast akzentfreies Deutsch. Der Vater blätterte in einer Zeitschrift, doch seine Augen gingen immer wieder in die Ferne. Jeder konnte erkennen, dass die Gedanken, die in seinem Kopf herumspukten, weder mit seiner Lektüre noch mit seiner Umgebung zu tun hatten. Auf seiner Stirn zeichnete sich eine tiefe Sorgenfalte ab und er hatte eine hohe Mauer um sich herum gebaut – aus Traurigkeit und Gram. Ja, seine Vorstellungen waren andere gewesen. Er hatte so viel Hoffnung damit verbunden, nach Deutschland kommen zu können und sich und seine Familie vor dem Krieg zu retten. Klar, hier gab es keine akute Gefahr. Sie hatten ein kleines Zimmer in einem Flüchtlingswohnheim – zu viert, seine Schwiegermutter, seine Frau und sie beide. Ständig war Lärm, Geschrei, Streit und einen Platz um alleine zu sein, gab es nirgends. Und dann die Deutschen. Die Meisten waren nett und halfen ihnen. Aber es gab auch Unfreundliche, die Fremde hassten. Ali war klein, dünn, hatte schwarze Haare und obwohl er nicht dunkelhäutig war, konnte jeder auf den ersten Blick erkennen, dass er von weit herkam. Er hatte sich bemüht und Deutsch gelernt. Aber es gab zu wenig Lehrer, zu große Klassen, die Einwanderer waren zu unterschiedlich. Es gab Menschen, die konnten mehrere Sprachen und hatten in ihrem Land studiert und es gab andere, so wie Ali, die hatten noch niemals vorher eine Schule von innen gesehen. In seiner Heimat war er Schäfer gewesen, wie sein Vater und sein Großvater. Das ganze Jahr zogen sie umher, wohnten in einem Zelt und die Jungen halfen den Männern, die Mädchen den Frauen. Das war das Leben, das er kannte und das ihm auch gut gefallen hatte, bis der Krieg alles zerstörte…

Ali hätte in einem Jahr lesen, schreiben und Deutsch lernen sollen. Als er dann in der Prüfung durchgefallen war, bezahlte das Amt keinen weiteren Sprachkurs mehr. Aber so konnte er doch keine Arbeit finden.

Seine Gedanken waren gegen eine Mauer geprallt und einfach still liegen geblieben. So konnte er den Augenblick nutzen und sich zwingen, in der Zeitschrift zu lesen. Er schaute sich die Bilder an und entzifferte ein paar Wörter. Ali begriff wenig und das was er verstand, konnte er kaum einordnen. Wie Deutsche dachten, erschloss sich ihm nur bruchstückhaft. Sie waren ihm immer noch so fremd. Wie sie am Samstag durch die Einkaufspassage hetzten – Dinge kauften, die sie überhaupt nicht brauchten. Aber am schlimmsten war die feuchte Kälte. Sie ließ ihn erstarren, er merkte, wie er sich mehr und mehr in sich verkroch. Er wünschte sich zurück in seine Heimat, sehnte sich nach Sonne, Stille und der Schönheit der Natur. Am meisten jedoch vermisste er seine Arbeit und die Kraft, die er daraus schöpfen konnte. Er hatte hohes Ansehen gehabt und viele Menschen warteten darauf, regelmäßig von ihm mit Wolle oder Fleisch beliefert zu werden. Das alles hatte er verloren. Nun brauchte ihn niemand mehr, außer seiner Frau und seiner Tochter.

Die Zeitschrift in seiner Hand zeigte prachtvolle Landschaften, Naturgewalten. Das Reisemagazin hatte er gefunden, jemand hatte es auf einer Bank vergessen. Jedes Bild, dass er betrachtete, riss die Wunde weiter auf, die ihn quälte, seit er in Deutschland angekommen war. Ob sie je heilen würde? Ali bezweifelte das.

Genauso großartig wie auf den Fotos war es auch in seiner Heimat gewesen. Und schon waren seine Gedanken wieder davongeflogen.

„Papa, schau mal, das ist aber ein süßer Hund. Der sieht ja aus wie Blinko. Papa, das ist Blinko!“ Seine Tochter sprang auf und rannte hinter einer Frau mit einem kleinen schwarz-weiß gefleckten Pudel her. „Aicha!“ Ali rief seiner Tochter in einer arabisch klingenden Sprache hinterher, sofort stehen zu bleiben. Das Mädchen hörte nichts.

Inzwischen hatte die ungefähr 5-Jährige den Pudel erreicht und grabschte ihn von hinten am Schwanz. Ali war noch weit hinter seiner Tochter. Die Frau stoppte abrupt, als der Hund anfing gefährlich zu knurren. Ali schrie noch einmal: „Aicha! Er forderte sie auf, das Tier sofort loszulassen. Die Alte schnappte ihren Liebling und nahm ihn auf den Arm. Sie giftete Ali an: „Können sie nicht auf ihr Kind aufpassen?“ Endlich war Ali angekommen. Schnell schob er seine Tochter hinter sich. Die Frau war größer als er und er verstand zwar, was sie sagte, aber was sollte er darauf antworten? Also zog er seinen Kopf ein und nuschelte undeutlich: „T‘schuldigung. Aicha sonst anders.“ Er schob das Kind wieder nach vorne und forderte sie auf, zu übersetzen. Zögernd fing das Mädchen an zu erklären: „Es tut Papa sehr leid. Er wollte besser aufpassen. Dein Hund sieht aus wie Blinko, aus meinem Bilderbuch.“ Sie klappte das Buch auf und deutete auf den schwarz-weiß gefleckten Pudel. „Schau, das ist Blinko und das ist Oma Berta. Blinko ist der tollste Hund der Welt, erklärte Aicha, schon etwas mutiger, weil die Frau nun interessiert die Bilder betrachtete und sich sichtlich entspannte. „Er hat einen kleinen goldenen Anhänger. Und wenn Oma Berta sich was wünscht, muss sie nur den Anhänger reiben. Sofort es geschieht genauso.“ Die Frau schaute nun viel freundlicher und setzte den Hund wieder auf den Boden. Auch er trug einen kleinen goldenen Anhänger um den Hals. Aicha zitterte vor Aufregung, als sie das entdeckte, aber Ali hielt sie immer noch fest. „So, du heißt also Aicha“, sagte die Frau nun lächelnd. „Und der Blinko ist ein Wunsch-Hund?“ Das Kind nickte eifrig mit dem Kopf. „Weißt du denn nicht, dass es gefährlich ist, sich einem Hund von hinten zu nähern oder ihn am Schwanz zu ziehen?“ fragte die Frau mit einem Stirnrunzeln und strenger Stimme. Sofort versteckte sich Aicha wieder hinter ihrem Vater. „Wir keinen Hund. Tiere verboten.“ erklärte Ali traurig und die Frau merkte an seinem Gesichtsausdruck, wie gerne er Tiere mochte. „Aicha muss erst lernen.“ fügte Ali hinzu. Und dann erzählte er in gebrochenem Deutsch von seiner Heimat, den Schafen und Hunden und wie glücklich sie damals waren. Aicha jedoch sei noch zu klein gewesen und könne sich nicht mehr daran erinnern, schloss er. Die Frau hatte von ihrer Mutter viele Geschichten von Flüchtlingen, Krieg und Vertreibung gehört und sah ihre Großeltern vor sich, die von ihrem Bauernhof verjagt worden waren, als die Mutter noch ganz klein war. Sie nickte verständnisvoll und mitfühlend. Für ihre Großeltern war das lebenslang ein Trauma geblieben, das in ihrer Familie bis heute Auswirkungen hatte.

„Wenn ihr Lust und Zeit habt, lade ich euch auf Kaffee, heiße Schokolade und Kuchen ein und erkläre dir“ – und dabei schaute sie Aicha an,“ wie man mit Hunden umgehen muss.“ Die Alte reichte dem Kind die Hand: „Ich heiße Oma Paula, deinen Namen kenne ich ja schon.“ „Und Sie dürfen mich auch Oma Paula nennen“, sagte sie zu Ali, während sie auch mit ihm die Hand schüttelte. „Ich bin Ali und wir uns sehr freuen,“ erwiderte er erstaunt über den schnellen Sinneswandel der Frau. Er kannte Deutsche bisher nur als zurückhaltend und Fremden blieben sie erst mal auf Abstand.

Die beiden hatten großen Hunger und zu tun hatten sie sowieso nichts. So gingen sie auf das nette Angebot ein und folgten der Frau in das Café, das gleich gegenüber war. „Heißt dein Hund auch Blinko, wie der in meinem Buch?“ wollte das Mädchen wissen. „Das ist Joddy,“ antwortete Oma Paula lachend. Nachdem sie ihre Bestellung aufgeben hatten, erklärte sie Aicha: „Du darfst dich Hunden niemals von hinten nähern oder sie gar anfassen! Dann erschrecken sie vielleicht und beißen dich. Und am Schwanz festhalten oder ziehen, das mögen Hunde überhaupt nicht. Halte ihnen die Hand hin und geh von vorne auf sie zu. Dann können sie an dir riechen. Wenn du siehst, dass sie mit dem Schwanz wedeln, dann darfst du sie auch anfassen. Aber frag lieber vorher die Besitzer, denn manche Tiere mögen keine Kinder.“ Aicha machte es nun genau nach Anweisung und bald schon waren der Hund und sie Freunde.

Währendessen vertilgten Vater und Tochter zusammen drei süße Stückchen und als sie fertig waren, begann Aicha den Pudel zu streicheln. Verstohlen rieb das Kind in einem unbemerkt geglaubten Augenblick an dem Anhänger und flüsterte leise etwas in das Hundeohr. „Was hast du dir denn gewünscht?“ fragte Oma Paula, die Aicha beobachtet hatte und nun aufmunternd anschaute. „Omi soll wieder gesund werden und Mami wieder lachen“ druckste das Mädchen etwas verschämt herum. „Na, das sind ja große Wünsche. Da wollen wir mal sehen, ob Joddy dir helfen kann, damit das auch in Erfüllung geht. Aber dazu muss er erst mal deine Omi und Mami auch kennen lernen.“ Ali erzählte, dass seine Schwiegermutter seit sechs Wochen schwer erkältet sei und überhaupt nichts helfe. Als er von seiner Frau sprach, verdüsterte sich seine Miene noch mehr. Ihr Bruder sei im Krieg gestorben und seitdem weine sie oft. Nun mache sie sich ständig Sorgen, dass sie auch noch ihre Mutter wegen einer Lungenentzündung verlieren könne. Deswegen weiche sie dieser auch nicht mehr von der Seite. Ali schaute bedrückt auf Aicha, die zu seiner Erzählung traurig nickte.

Oma Paula überlegte eine ganze Weile, was sie für die Flüchtlingsfamilie tun könne. Sie besaß ein großes Herz und hatte schon einen Narren an dem Mädchen gefressen. „Das Kind soll glücklich aufwachsen können und nicht unter dem ständigen Schatten dieser Flucht stehen, so wie meine Mutter es musste“ beschloss sie. „Na, dann lade ich euch alle vier morgen zum Mittagessen ein und danach werden wir weitersehen, ob Joddy etwas für euch tun kann“, durchbrach sie die eingetretene Stille. Sie schrieb ihre Adresse auf einen Zettel und reichte diesen Ali. „Also morgen um Punkt 12 Uhr.“

Sie verabschiedeten sich. Die Alte winkte nach der Bedienung, zahlte und zog sich ihren Mantel an. Sie bemerkte erst jetzt, als sie den beiden beim Rausgehen nachschaute, dass Ali und Aicha ihre Jacken die ganze Zeit anbehalten hatten. Sie schüttelte den Kopf und brummte vor sich hin: „Kein Wunder, dass sie sich erkälten, wenn sie so rausgehen. Da gibt es viel für mich zu tun.“

Fröhlich verließ sie das Einkaufszentrum und plante, was sie am nächsten Tag Leckeres kochen wollte. Auf ihrem Heimweg ging sie beim Rot-Kreuz-Laden vorbei und kaufte ein paar Strickjacken und dicke Pullover für die verfrorene Familie. Ihre eigene Tochter wohnte mit den Enkeln weit weg und Oma Paula war sehr oft alleine mit ihrem Hund. Herausforderungen gab es kaum mehr in ihrem Leben. Jeder Tag war wie der andere und manchmal fühlte sie sich richtig nutzlos. „Wenn ich Joddy nicht hätte…“ Abrupt unterbrach sie ihre Gedanken, denn das wollte sie sich gar nicht ausmalen, was dann wäre. Es freute sie besonders, dass sich nun vielleicht eine neue Aufgabe für sie auftat. „Nicht zu viele Erwartungen,“ zwang sie sich ihre überschäumenden Gedanken wieder einzufangen. „Vielleicht kommen sie ja gar nicht.“ Doch eigentlich war sie sich total sicher, in Ali und Aicha eine neue Familie gefunden zu haben. Sie hatte die beiden schon tief in ihr Herz geschlossen.

 

Silke Geßlein, 11.11.2016

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